CREDO

Ein szenischer Gottesbeweis

Im ihrem neuesten Projekt begibt sich PLASMA - die Gruppe um den Regisseur Lukas Bangerter - an die Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits und versucht den endgültigen Gottesbesweis.

Fasziniert von den tausenden verschiedenen Göttern, den Himmeln und Höllen, den Engeln, Teufeln, Propheten, Märtyrern, Nothelfern, Heiligen, Paradiesen und Wundern, die uns vor der frustrierenden Tatsache retten sollen, dass wir sterblich sind, baut PLASMA einen Gottesbeweis-Generator und gebiert damit einen Deus Ex Machina, der uns in ein Jenseits transzendiert, dass so noch keiner gesehen hat. Als Nebenprodukt dieser Gottwerdung entsteht ein genreübergreifendes musikalisches Theaterereignis zwischen mystischer Verzückung Sitzung und amerikanischer Fernsehpredigt, das die Frage aufwirft, warum Menschen glauben.

PLASMA ist bekannt für verschrobene, musikalischen Theateruhrwerke, die immer Theaterstück, Konzert und Installation in einem sind. Mittlerweile gilt die Gruppe als Spezialist für den Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Kunst. Diesmal jedoch wagen sich die Musiker und Schauspieler in einen Bereich vor, der nicht mehr erklärbar scheint und fassen ein heisses Eisen an: die Religion.

In einer Zeit, in der dänische Karikaturisten für die Darstellung eines Religionsstifters mit dem Tode bedroht werden und die Ankündigung eines amerikanischen Provinz-Pfarrers ein Buch zu verbrennen, weltpolitische Auswirkungen hat, reflektiert „CREDO“ die Absurdität und die Schönheit, die im menschlichen Verlangen nach einer höheren Instanz liegen.

Bangerter hat für diese Arbeit zwei Spitzenmusiker von Berlin nach Zürich geholt. Mit Maurice de Martin und Antonio Palesano stösst das PLASMA-Ensemble in neue Gefilde vor, oszilliert zwischen Freejazz und Choral und klopft da an, wo Gott hockt. Während Bangerters Bühnenfiguren das Phänomen Glauben ins Visier nehmen, surfen sie so virtuos durch Katechismus, Koran und Geistesgeschichte, dass das Objekt ihrer Untersuchung von ihnen selbst Besitz ergreift und ihnen der heilige Geist derart in die Glieder fährt, dass der Verstand nicht mehr greift und sich die Sprache in Musik auflöst.

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Mit freundlicher Unterstützung von:

  • Alfred und Ilse Stammer-Mayer Stiftung,
  • Artephila-Stiftung,
  • Ernst Göhner Stiftung,
  • Fachstelle Kultur Kanton Zürich,
  • Fondation Nestlé pour l’art,
  • Kanton Zürich Fachstelle Kultur,
  • Migros Kulturprozent,
  • Präsidialdepartement der Stadt Zürich Theaterförderung,
  • Pro Helvetia,
  • René und Susanne Braginsky Stiftung,
  • Stadt Zürich

Pressestimmen:

Philosophischer Diskurs – spiritueller Orgasmus. Die Gruppe Plasma spielt «Credo» im Theaterhaus Gessnerallee Mit ihrem denkwürdigen Projekt versucht die Zürcher Gruppe Plasma das Wesen von Religion zu ergründen. Am Mittwoch wurde «Credo» im Theaterhaus Gessnerallee uraufgeführt.   Ein dumpfes Geräusch ertönt im fast dunklen Theatersaal, weniger zu hören denn als Vibrieren im Bauch wahrzunehmen. Ein unbehagliches Gefühl kommt auf. Das diffuse Geräusch geht nahtlos über ins Murmeln einer Frau, die auf der von einem einzigen blauen Scheinwerfer schwach erleuchteten Bühne vor einem Schrein mit einem roten Lichtlein kniet und den Rosenkranz betet: «Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.» Und so weiter.   Langer Atem Nach einiger Zeit gesellen sich, einer nach dem andern, drei Männer zu der Betenden. Jeder wirft vor dem Niederknien auf der Seite des Schreins eine Münze ein, worauf jeweils ein weiteres rotes Lichtchen angeht. Es ist ein eigenartiges, irgendwie abstruses Bild, wie die vier Beter da auf der Bühne knien, Rücken und Schuhsohlen dem Publikum zugewandt. Die Truppe um den Autor und Regisseur Lukas Bangerter mit ihrem 14. Projekt nichts Geringeres vorgenommen, als einen «szenischen Gottesbeweis» – so der Untertitel – zu liefern. Mit diesem Ziel beleuchten die Schauspieler Wowo Habdank, Jorgos Margaritis, Andreas Spaniol und Mirjam Zbinden das Phänomen Glauben mehr als zwei Stunden lang von ganz verschiedenen Seiten her.   So etwa von einem philosophischen Standpunkt aus. «Die Frage nach Gott ist überholt. Es hat sich selbst erschaffen, das Universum – aus dem Nichts», meint einer der Männer im dunklen Anzug. «Es ist doch ganz offensichtlich», kontert ein anderer, «dass da ein Plan dahintersteckt, ein Wille, einer, der uns wollte, der uns geschaffen hat, ein Schöpfer, ein Gott!»   Hin und her gehen die Argumente, und zwar in derart aberwitzigem Tempo, dass einem schwindlig wird vom blossen Zuhören. Unterbrochen wird die Diskussion um die Existenz Gottes in dem Moment, als der Vertreter des Kreationismus in ekstatisches Zungenreden verfällt. Dies wird er zur Freude des Publikums immer wieder tun. Einmal geht die Zungenrede nahtlos in Scatgesang im Stil eines Shooby Taylor über: köstlich! Überhaupt spielt die Musik eine wichtige Rolle in diesem sperrigen und gerade deshalb mutigen Theater. Barocke Choräle werden ebenso gesungen wie Gospels. Die beiden Musiker Maurice de Martin und Alesandro Palesano liefern ebenfalls Geräusche nach Bedarf. So muss beispielsweise der bei der Eucharistiefeier als Ministrant amtierende Schauspieler bloss mit der Hand schütteln, und schon erklingt helles Glockengeläute.   Fanatischer Fernsehprediger Zum krönenden Abschluss tritt – kurz nach einer bluttriefenden Kreuzigung (der einzigen pietätlosen Szene der Produktion) – ein fanatischer Fernsehprediger auf, der seine (Fan-)Gemeinde zum kollektiven spirituellen Orgasmus antreibt. Plötzlich ist dieses vor allem im Bauch spürbare Geräusch vom Anfang wieder da, allerdings viel penetranter. Und nun ist alles klar: «Ich spüre seine Herrlichkeit in meinem Bauch!», schreit der Prediger ins Mikrofon. Dazu blinken bunte Lichter wie auf einem Jahrmarkt, und es wird euphorisch getanzt.   Dann ist die Party auf einen Schlag vorbei, Totenstille herrscht und grosse Ernüchterung: Der Gottesbeweis ist misslungen – nicht so aber der Theaterabend, der einem noch lange zu denken geben wird.

Neue Zürcher Zeitung

Am Ende steigert sich die Aufführung unter dem Einfluss eines Massenbekehrers bis zum Wahnsinn, zum Vulkanausbruch, zur Erschöpfung. Die Schauspieler taumeln und bleiben am Boden liegen. Dann, in der Stille, überrascht uns «Credo» mit einer einfachen, fast poetischen Erkenntnis.

kulturkritik.ch